Der Essay der Siegerin – Sie wären nicht die, die sie sind

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Der Essay der Siegerin – Sie wären nicht die, die sie sind

Der Essay der Siegerin

Sie wären nicht die, die sie sind

Seraina Kobler sorgt sich wegen einer Erbkrankheit in der Familie ihres Mannes um die Gesundheit der eigenen Kinder. Befürwortet man da schneller einmal eine Optimierung des Erbguts? Mit ihrem persönlichen Text gewinnt die Autorin den diesjährigen «Bund»-Essaypreis.

Seraina Kobler

Publiziert: 09.09.2020, 06:16

«Es gibt diesen einen Moment, in dem du dich in Sicherheit fühlst. Du lauschst ihren gleichmässigen Atemzügen, die nur manchmal von einem müden Seufzer unterbrochen werden»: Eine Mutter hält ihr neu geborenes Kind.

Foto: Keystone (Gaetan Bally)

Es gibt diesen einen Moment, in dem du dich in Sicherheit fühlst. Du lauschst ihren gleichmässigen Atemzügen, die nur manchmal von einem müden Seufzer unterbrochen werden. Ihre Füsschen sind an deine Beine gepresst und fühlen sich an wie kalte Butter aus dem Kühlschrank. Und während sie sich langsam aufwärmen, legst du die Arme um sie, als wolltest du sie mit Flügeln zudecken. Du vergräbst die Nase in ihren seidenen Haaren. Streichelst die Köpfchen, die du bei ihren Geburten zum ersten Mal tief in dir drin gefühlt hast. Geknetet von rasendem Schmerz. Ohne Medikamente, weil du am eigenen Körper spüren wolltest, was Leben heisst. Und du sie zum ersten Mal loslassen musstest. Jeden Tag wartest du auf diesen Moment der Sicherheit.

Du lüftest die Decken in der eisigen Morgenluft, schüttelst sie aus. Und du hoffst, dass das nächtliche Floss euch auch in Zukunft sicher durch stürmische Winde geleitet. Doch dann fegt die Furcht über dich hinweg. Duweisst, dass etwas in dem Körper deiner Kinder versteckt sein könnte, wie eine tickende Bombe. Etwas mit einem Namen, der nach Science-Fiction klingt: BRCA2-Genmutation. Das familiäre Pankreaskarzinom hat ihreGrossmutter getötet, lange bevor sie auf die Welt kamen.

In diesem Jahrtausendsommer, als du gerade in deine erste eigene Wohnung gezogen bist. Und du Katastrophen nur von den Bildschirmen im Dönerladen um die Ecke gekannt hast, wo sie stumm über den Bildschirm flimmerten. Da wusstest du nicht, dass in einer anderen Stadt, hundert Kilometer weit weg, die Mutter des Mannes im Sterben lag, den du einmal lieben würdest. Als sie an Allerheiligen ihren letzten Atemzug tat, da ahnte niemand, dass die Krankheit ein System haben könnte. Eines, das sich mit jedem neuen Kind, mit jeder Generation mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 zu 50 weitervererben könnte.

«Darwins Regel entfaltete von einem Moment auf den nächsten ihre ganze grausame Gleichgültigkeit.»

Das habt ihr erst viel später erfahren. Als die Kinder schon auf der Welt waren. Auf einem dunklen Pass hast du eine Vorahnung gehabt, dass sich bald ein Graben auftun würde, in den ihr jederzeit stürzen könnt. Etwas mehr als 16 Jahre nach seiner Schwester hatte ihr Bruder dieselbe Diagnose erhalten wie die Grossmutter damals. Du hofftest zuerst noch, dass es nur ein tragischer Zufall wäre. Ausgelöst durch etwas, dem die Geschwister in der Kindheit ausgesetzt waren. Giftige Farben an den Wänden, Lack auf dem Porzellan, das Pökelsalz in der Wurst. Irgendetwas, das von aussen kam.

«Erbgut, besser, am besten»

Gerade erfinden Forscher das Menschsein neu. Ein chinesischer Forscher verkündete, er habe das Erbgut von Babys so verändert, dass sie immun gegen das Aids-Virus seien. Das Erbgut der Zwillinge war mit der Genschere Crispr-Cas9 verändert worden. Und wir fürchten uns vor Gentomaten. Der Mensch verändert seit Jahrtausenden durch Züchtung die Gene von Tieren und Pflanzen. Wieso sollte er da vor sich selbst halt machen? Dieses Szenario birgt die Gefahr einer Zweiklassengesellschaft: Wenn die kaufkräftigen Schichten zu Supermenschen werden, bleibt der Homo sapiens abgehängt zurück.

Der 14. «Bund»-Essay-Wettbewerb fragte unter dem Titel «Erbgut, besser, am besten: Willkommen im Menschenpark»: Wird es künftig die auf natürlichem Weg geborenen Menschen mit Defekten und Unzulänglichkeiten sowie die gentechnisch schon vorgeburtlich perfektionierten Mitglieder einer Elite geben? Soll die Forschung stärker reglementiert werden? Überschätzt sich der Mensch? Bis jetzt fehlt eine breite gesellschaftliche Debatte darüber, ob genetische Eingriffe beim Menschen legitim sind. Darf der Mensch Gott spielen? Eine dreiköpfige Jury mit dem Autor Wilfried Meichtry, der Philosophin Elisabeth Ehrensperger und «Bund»-Chefredaktor Patrick Feuz wählte aus 77 eingegangenen Essays die drei Gewinnertexte aus.

Aber bitte, bitte nicht von innen. Doch du hast geahnt, dass die Natur euch einholen würde. Und «Survival of the Fittest», Darwins Regel, die dir immer logisch erschienen ist und mit der du Riesenschildkröten, putzige Vögel und die Südsee assoziiert hast, entfaltete von einem Augenblick auf den nächsten ihre ganze gleichgültige Grausamkeit. Du hast den Fehler gemacht, im Netz nach Informationen zu suchen, die sich in dir festkrallten und sich ausbreiteten, wie das gefürchtete Geschwür. Die Journalistin in dir hat gesagt, du müsstest mit Fachärzten sprechen. Mit Genetikern. Die Mutter in dir wollte es nicht wissen.

Wäre er nicht so gefährlich, könnte uns der Krebs eine Lektion im Überleben erteilen. Seine Zellen sind geniale Siedler. Sie bauen riesige Kolonien in feindlichen Landschaften, suchen Zuflucht in gesunden Organen, sie befallen sie, breiten sich aus. Und wenn man sie herausschneidet, dann wandern sie einfach zum nächsten. Sie wuchern am Abgrund des Unkontrollierbaren. Doch wie lange noch? Seit einigen Jahren hat die Hoffnung einen Namen bekommen. Crispr-CAS9. Die Wissenschaft spricht von einer stillen Revolution. «Mein wahrer Lebenslauf steht in meinen Zellen», sagt der junge Protagonist Jerome in dem dystopischen Weltraum-Film «Gattaca». Aber wie viel davon lässt sich lesen und verstehen? Und wenn wir ihn lesen könnten, wann können – oder sollen – wir eingreifen?

«Durchsichtige Frösche und Tiere, die im Dunkeln leuchten, für 12 Dollar und 99 Cent sind bereits heute Realität.»

Noch nie zuvor war der Mensch in der Lage, seine ureigenste Chemie zu verändern. Was, wenn man die Natur kontrollieren könnte, statt ihr nur beim Spielen zuzusehen? Crispr-CAS9, eine Methode wie ein chemisches Skalpell, mit dem unsere Gene editiert werden können. Mit ihr läge die Evolution in unseren Händen. Die Journalistin in dir sagt, dass der Blick in die Vergangenheit zeigt, dass der Mensch zwar gut darin ist, Neues zu erfinden. Aber schlecht darin, die Folgen abzuschätzen. Sie warnt vor der Technik, die zu einer neuen negativen Eugenik führen könnte. Sie denkt an die systematische Vernichtung von Juden im nationalsozialistischen Deutschland und Österreich.

Obwohl sich das umfangreichste Negativbeispiel nicht dort zeigt, wie der indisch-amerikanische Arzt und Wissenschaftler Siddhartha Mukherjee in seinem Buch «Das Gen, eine sehr persönliche Geschichte» schreibt, sondern in China und Indien, wo zehn Millionen Mädchen aufgrund von Abtreibung, Kindsmord oder Vernachlässigung das Erwachsenenalter nie erreicht haben.

Und wenn sich nicht alles zum Guten wendet? «Dann würdest du ihnen einen magischen Wigwam bauen. Einen, in dem es keine Furcht gibt, wie bei den Schwestern in Lars von Triers Film «Melancholia». Aber das wird nicht nötig sein. Hoffentlich.

Foto: zvg

Die Journalistin in dir denkt, dass es noch nicht einmal Diktatoren oder mordgierige Staaten brauchen würde, um das ganze grausame Potenzial der Methode zu entfalten. Sie mahnt, dass das Gleichgewicht in der Natur auf der Beziehung beruht, in der alle Lebewesen zueinander stehen. Denn das menschliche Genom gehört uns allen. Was wir an unserem Genpool verändern, wird dort unwiederbringlich gespeichert werden. Im Grunde könnte bald jeder in seiner Garage mit Gentechnik spielen. Supermuskulöse Schweine, durchsichtige Frösche und Tiere, die im Dunkeln leuchten, für 12 Dollar und 99 Cent sind bereits heute Realität.

Doch die Mutter in dir, die würde (fast) alles tun, um zu verhindern, dass eine möglicherweise in den Genen deiner Kinder gespeicherte Krebserkrankung verhindert wird. Und ihr wird bewusst, dass sie sich mit der Journalistin nicht mehr einig ist. Ein bisschen schämt sie sich, dass sie sich diese Gedanken erst durch ihre persönliche Betroffenheit macht. «Wo soll man die Grenze ziehen?», fragt auch der Vater eines Sohnes, der wegen einer seltenen Erbkrankheit an Atemgeräte gefesselt ist, in der nobelpreisverdächtig besetzten Dokumentation «Human Nature». Seine Antwort? «Zieht die Grenze, wo ihr wollt, aber bitte nicht vor der Krankheit meines Kindes.»

Wer heute also über Crispr-CAS9 sprechen will, der sollte nicht an hoch optimierte Designerbabys mit wahlweise blauen, grünen oder braunen Augen oder ausserordentlichen mathematischen Fähigkeiten denken. Auch nicht an Soldaten, denen natürliche Reflexe wie Angst und Skrupel weggezüchtet wurden, die zu Todesmaschinen auf dem Schlachtfeld werden. Wer heute über Crispr-CAS9 sprechen möchte, der muss zuallererst über Krebs nachdenken, über Schizophrenie oder die Huntington-Krankheit. Denn sie alle und noch viel mehr werden durch nur eine einzige Mutation auf einem einzelnen Gen ausgelöst.

«Es wäre, als ob das Warten auf den Krebs ihr gesamtes Leben und ihre gesamte Kraft verbrauchen würde.»

Du weisst nun also, dass eine Möglichkeit von fünfzig Prozent besteht, dass deine Kinder und dein Mann Träger einer Mutation sein könnten, die das Risiko für Pankreaskrebs um das 18-Fache erhöht. Und doch ist es nur eine Wahrscheinlichkeit für eine Wahrscheinlichkeit. Die Gene schweigen sich darüber aus, zu welchem Zeitpunkt die Krankheit eintrifft. Oder ob sie überhaupt ausbricht. Und auch darüber, welchen Verlauf sie nimmt. Bis heute existiert für Pankreaskrebs, der meist erst im mittleren bis fortgeschrittenen Alter ausbricht, keine prophylaktische Behandlungs- oder Vorsorgemöglichkeit. Weil er darum in den meisten Fällen erst zu spät entdeckt wird und nicht mehr operabel ist, endet die Erkrankung oft tödlich. Die Technik ist zwar genug fortgeschritten, um euch über die genetische Veranlagung aufzuklären. Sie ist aber noch zu wenig entwickelt, um etwas dagegen unternehmen zu können.

Warum solltest du es also wissen wollen? Der Genbefund würde zum alles beherrschenden Thema werden, schreibt auch Mukherjee. Es wäre, als ob das Warten auf den Krebs die Vorstellung, ihn zu überleben, ihr gesamtes Leben und ihre gesamte Kraft verbrauchen würde. Für solche Menschen hat man ein neues Wort geprägt, das durchaus orwellsche Anklänge hat: Previvors, Vorüberlebende.

Eine genetische Abklärung, und mit ihr die Möglichkeit einer Gewissheit, ob die Mutation nun vererbt wurde oder nicht, bringt euch also keinen Schritt weiter. Nicht solange es keine sichere und ausgereifte Methode der genetischen Editierung wie Crispr-CAS9 gibt. Noch schlimmer. Eine Untersuchung könnte euch den Glauben rauben. Die Hoffnung, dass es vielleicht doch nicht vererbt wurde.

Und wenn doch? Braucht es dann Glaube oder Technik? Du bist nun 37 Jahre alt, du hast studiert, du bist früh Mutter geworden. Manchmal, bei Erschöpfung, neigst du zu Panikattacken. Du gehst zwar selten in die Kirche, bist aber auch nie ausgetreten. Du fandest das ehrlicher, weil sie sich als eine der letzten Instanzen in unserer Gesellschaft noch um den Tod kümmert. Um das, was nach einem Leben kommt, in dem Spiritualität von vielen nur noch als Lifestyle praktiziert wird. Wenn man Yogamatte, Klangschale und Räucherstäbchen gegen ein Urnengrab auf dem Gemeinschaftsfriedhof tauschen muss.

«Die Kluft zwischen dem, wohin sich die Welt bewegt, und jenem, was die Seele verlangt, wird immer unüberwindbarer.»

Irgendwo in dir schlummert etwas, das du der Durchleuchtung aller Lebensbereiche entgegensetzen möchtest. Und du merkst, wie du innerlich kämpfst. Gegen die Vorstellung, dass man alles in die eigenen Hände nehmen kann. Wenn man nur genug will! Sich bemüht! Immer fleissig ist! Und du merkst, wie die Kluft zwischen dem, wohin die Welt sich bewegt, und jenem, was die Seele verlangt, immer unüberwindbarer wird. Du wünschst dir die Gabe, das eigene Schicksal und das deiner Liebsten und Nächsten als gegeben annehmen zu können. Dir wird klar, dass es deine Kinder sonst nicht geben würde. Sie wären nicht die, die sie sind. Und das würdest du um nichts in der Welt ungeschehen machen wollen.

Seraina Kobler: Autorin

Geboren 1982. Ihre ersten Lebensjahre verbrachte die Journalistin und Autorin in den wilden Bergen des Tessiner Onsernonetals. Sie führte einen Kleiderladen, kochte Mittagsmenüs im Zürcher Niederdorf und begann kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes ein Sprachstudium in Zürich und Konstanz. Nach dem Studium arbeitete sie als Redaktorin bei verschiedenen Tages- und Wochenzeitungen («Neue Zürcher Zeitung», «Tages-Anzeiger»). Heute arbeitet sie selbstständig in ihrem Schreibatelier in der Zürcher Altstadt. Ihr erster Roman,«Regenschatten, erscheint im Herbst 2020 im Kommode-Verlag. Ihr literarisches Schaffen wurde von verschiedenen Stiftungen sowie dem Bundesamt für Kultur unterstützt. Die Mutter von vier Kindern lebt in Zürich.

Seraina Kobler, Autorin des Essays «Sie wären nicht die, die sie sind»

Foto: Adrian Moser

Doch wenn du beides haben könntest? Die Kinder, so wie sie sind. Den Mann. So wie er ist – und doch ohne die genetische Mutation, auch wenn er diese doch geerbt hätte. Vielleicht wird es bald normal sein, dass man «sich die Gene machen lässt». Und du überlegst, ob Dinge wie Pankreaskrebs, Schizophrenie oder die Huntington-Krankheit Grund genug sind, in unsere eigene Natur einzugreifen. Und du weisst es nicht mehr.

Doch was wäre, wenn diese Welt sowieso mit Überschallgeschwindigkeit auf eine menschgemachte Mauer zurast? Die Eispanzer schmelzen, die Meere steigen, wir verändern durch unsere Lebensweise alles in einem nie da gewesenen Tempo. Die schmerzliche Einsicht liegt nahe, dass deine Kinder in vielleicht vierzig Jahren, wenn das Vielleicht-Risiko in ihren Genen für die Erkrankung vielleicht steigt, noch ganz anderen Problemen ins Auge blicken müssen. Wenn all die Menschen, die heute auf einer Fläche von der Grösse Südamerikas leben, plötzlich innert weniger Jahre evakuiert werden müssen. Weil es auf dem Blauen Planeten tödlich heiss geworden ist.

In dieser Situation fragst du dich nicht mehr, ob man ein Instrument wie Crispr-CAS9 weiterentwickeln darf, mit dem sie sich auf diese Veränderungen vorbereiten können. Sondern nur noch, ob es nicht viel eher unsere dringende Pflicht ist. Weil wir unseren Kindern die Erde in einem Zustand hinterlassen, in dem sie für deren weitere Besiedelung jede Hilfe brauchen werden, die sie kriegen können. Daran denkst du, wenn du nachts wach neben ihnen liegst. Du hast gelernt, zu hoffen. Dass sich die vielen Vielleichts zum Guten wenden. Das funktioniert. Meistens. Und wenn nicht? Dann würdest du ihnen einen magischen Wigwam bauen. Einen, in dem es keine Furcht gibt, wie bei den Schwestern in Lars von Triers Apokalypse «Melancholia». Aber das wird nicht nötig sein. Hoffentlich.

Publiziert: 09.09.2020, 06:16

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2 Kommentare

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Andrea Reist

09.09.2020

Liebe Seraina

Ich habe deinen Text zwar nicht auf nüchternen Magen zu mir genommen, aber auch mich hat er zutiefst bewegt. Ein wunderbarer Text. Mit lieben Gedanken